Glossen 27

Am Ende taten wir nichts
Gespräch mit Wolfgang Müller

Glossen:
Am 21. August 1968 warst Du Student in Berlin, oder?

Wolfgang Müller:
Ja und nein;  ich war zwar schon bei den Japanologen an der Humboldt Universität angenommen, aber, wenn ich mich nicht irre, war der 2. September, ein Montag,  mein erster Studientag. Also es lag etwas mehr als eine Woche zwischen meinem Studienanfang und den „Ereignissen“ in der CSSR – in den offiziellen Verlautbarungen sprach man entweder von der „Rettung des Sozialismus“, der „brüderlichen Hilfe des Warschauer Paktes“ oder, ganz banal, von den „Ereignissen“.

Gl: Wann und wo hast Du von der „Rettungsaktion“ des Warschauer Paktes gehört?

W. M. Ich war am 21. August mit meinen Freunden Gisela, Jochen und seinem Bruder Peti am Scharmützelsee.  Mit einem Jollenkreuzer. Wir hatten das von meinem Vater geliehene Segelboot am kleinen Strand von Wendisch Rietz festgemacht und hörten Radio Prag in deutscher Sprache auf Kurzwelle.

Alle unsere Hoffnungen waren mit Dubçek und diesem Prager Frühling verbunden, diesem explosiven Gemisch aus neuen Freiheiten – die Tschechen und Slowaken konnten auf einmal ins westliche Ausland fahren, Zeitungen gründen, und sich öffentlich versammeln. Auch fiel die Zensur weg, und Rockmusik und Jeans waren nicht mehr verboten.  Die Welt schien sich zu öffnen. Das erschien uns einfach als „Wahnsinn“, ein Wort, das dann beim Fall der Mauer wiederkam. Wenn die Tschechen und Slowaken das schaffen, wird die DDR nachziehen müssen, dachten und hofften wir. Die Stalinisten würden es mit Hilfe der Russen nicht wagen, diese von den Reformern initiierte und vom Volk getragene Bewegung niederzuschlagen.  Ostberlin 1953 oder Ungarn 1956 waren wertlose Modelle, so unser furchtvoll geäußertes Mantra.

Mit dieser Mischung aus Rock, Jeans und politischen Freiheiten fühlten wir uns, wahrscheinlich sehr zu Unrecht, der westlichen Linken verbunden, den Studenten in Berkeley, Paris und teilweise auch in Westberlin. Zu Unrecht, weil die zu sehr mit sich beschäftigt waren und, mit wenigen Ausnahmen, das ganze Spektrum von gegenkulturellen Strömungen hinter der Mauer nicht wahrnahmen, weil der Osten von einem großen Teil der DKP-nahen Linken im Westen schon damals nur noch als Klischee gesehen wurde, ein Klischee das ihrer eigenen Denkungsart entsprach. Doch auch die nicht-orthodoxe Linke konnte sich mit den Propagandawörtern der DDR wie Sozialismus, kollektives Arbeiten, Solidarität mit der Dritten Welt, Anti-Imperialismus und Antifaschismus irgendwie identifizieren, so daß sich kein nachhaltiges Interesse an den wirklichen Vorgängen entwickeln konnte. Hanoi lag allen näher als Berlin-Mitte oder Prenzlauer Berg.

Aber das nur nebenbei.

Als in unserem kleinen Kofferradio auf dem Boot in Wendisch-Rietz die tschechoslowakische Nationalhymne gespielt wurde, und als dann nur noch Stille im Radio war, haben wir eigentlich nur noch geheult.  Sie hatten es gewagt! „Sie und nicht wir“, wie es in einem Gedicht bei Klopstock hieß. Und wir empfanden uns als hilflos.  Gisela, die schon 1 ½ Jahre Knast wegen versuchter Republikflucht hinter sich hatte, wollte uns dazu überreden, Dubçekplakate zu malen und durch Wendisch Rietz zu ziehen.  Sie hätte es auch gemacht, wenn wir sie nicht davon abgehalten hätten.  Auch Jochen hatte schon Knast hinter sich, weil er als 16jähriger Flugblätter gegen den Bau der Berliner Mauer produziert hatte.  Er und wir anderen zwei waren vorsichtiger. Auch war uns an diesem Vormittag nicht klar, ob nun so etwas wie Kriegsrecht gelten würde.  immerhin waren Panzer in einen Nachbarstaat eingerollt und vereinzelt soll es zum Widerstand gekommen sein. Sicher schien uns, daß die Dorfpolizei oder Stasi oder wer auch immer hart durchgreifen würde, um Proteste schon im Keim zu ersticken. Besonders für Gisi und Jochen wäre es schlimm gekommen, weil sie ja schon vorbestraft waren.  Möglich auch, daß uns in diesem kleinen Ort niemand gesehen hätte. Immerhin auf der Dorfstraße war „tote Hose“.  Die Leute waren auf Arbeit. Am Ende taten wir nichts.

GL: Was passierte an der Humboldt Universität? Gab es da studentischen Aufruhr oder sogar Aktionen?

W.M.: An der Uni selbst wohl nicht. Insgesamt wurden aber über 300 Leute in der DDR verhaftet. Andere verloren ihre Arbeit. Mein ehemaliger Deutschlehrer, Manfred Tippkötter zum Beispiel, den ich sehr verehrte, flog von der Schule, der Immanuel Kant Schule in Lichtenberg, weil er sich einer Unterschrift unter die Resolution des Lehrerkollegiums verweigerte  -- ob die Schule wenigstens heute stolz auf ihn ist?

Es gab einige junge Leute, teilweise Studenten, die in der Stadt protestierten. In meiner kleinen Seminargruppe, wir waren sieben oder acht, wurde gemunkelt, daß eine Studentin, Sanda Weigl, eine Verwandte von Helene Weigl, und andere, die wir teilweise vom Namen her kannten, weil sie überwiegend Kinder der DDR-Prominenz waren, wie z. B. Thomas Brasch, Bettina Wegener, Florian Havemann, Rosita Hunzinger und Erika Berthold,  Flugblätter geklebt hatten und darum verhaftet worden waren.

Allerdings waren FDJ und Partei an der HU aktiv.  Zu unserem ersten Seminar kam nicht etwa der Professor, sondern ein Vertreter der FDK-Kreisleitung, der uns vor die Alternative stellte, entweder eine vorbereitete Resolution zu unterschreiben, die die „brüderliche Hilfsaktion“ in der CSSR unterstützte oder aber eine eigene Resolution zu verfassen. 

Was für ein erster Studientag!

Wenn wir nichts unterschrieben, sagte er auf eine Frage, müßte sich die Universität überlegen, ob wir den Ansprüchen des Staates an einen sozialistischen Studenten genügen würden.  Und damit verließ er den Seminarraum.  Es war nicht deutlich, wie er selber zu dieser Sache stand.

Gl: Und, was habt Ihr gemacht?

W. M.: Etwas Ungewöhnliches für diesen Ort und diese Zeit.  Obwohl wir uns noch nie vorher gesehen hatten, bekannten wir einander, daß wir für den Prager Frühling waren und daß wir die uns vorgesetzte Resolution nicht unterschreiben konnten. Und dann kamen wir miteinander ins Gespräch. Und dann kamen die Bedenken.  Wir wollten ja alle studieren. Bei mir kam hinzu, daß ich es meinem Vater, der nicht mehr als eine Achtklassenschule besucht hatte und einer von diesen "alten Genossen" war, nicht antun wollte, seinen Sohn von der Uni fliegen zu sehen. Bei anderen wird es andere Gründe gegeben haben. Kurz und gut oder schlecht,  unsere Seminargruppe entschloß sich, eine eigene Resolution zu schreiben.  Ich kann mich nicht mehr an den genauen Wortlaut erinnern, nur, daß wir auf das Weiterbestehen des Sozialismus nach der "Bruderhilfe" in der CSSR hofften. Damit meinten wir das Weiterbestehen des  Prager Frühlings; es ließ sich aber auch eine Befürwortung des Einmarsches aus unserem Schrieb herauslesen.  Dann kam die Unterschrift.  Ich unterschrieb mit Druckbuchstaben, um mich von dieser ambivalenten Resolution in „Sklavensprache“ visuell zu distanzieren.  Aber das war natürlich eine zusätzliche, hilflose Geste. Unsere Resolution war eine von diesen Klugheiten, die eigentlich eine persönliche Niederlage und eine Erniedrigung darstellten.  Ich glaube, das war mir auch damals schon klar.

Ich traf übrigens diesen FDJ-Sekretär ein paar Tage später auf dem Flur des Ostasiatischen Instituts in der Universitätsstraße, und fragte ihn, ob diese Resolutionskampagne, die ja nicht nur die Unis sondern alle Institutionen in der DDR, von der Akademie der Wissenschaften, dem Schriftstellerverband, der Akademie der Künste bis zu den Schulen usw. erfasste, wirklich sinnvoll wäre, worauf er nur lakonisch antwortete, es ginge um die Frage, „Wer - Wen.“ Und da hätte man keinen Kompromiß machen können.

Das war eigentlich eine gute Antwort – sie basierte übrigens auf einer rhetorischen Frage Lenins, die in der DDR als „Klassenfrage“ (wer besiegt wen; mankönnte das auch drastischer ausdrücken) immer dann gestellt wurde, wenn man mit Argumenten nicht mehr weiter kam --  denn sie machte die Machtverhältnisse innerhalb der „sozialistischen Menschengemeinschaft“ sehr deutlich.  Wir Studenten gehörten zu den Leuten die besiegt werden sollten.

Ich kann es nicht beweisen, bin aber fest davon überzeugt, daß die Proteste bei der Biermannausbürgerung 76 und die Weigerung Vieler, acht Jahre danach nicht noch einmal Resolutionen zu unterschreiben, an deren Inhalt man nicht glaubt, sehr viel mit der Erniedrigung des Herbstes 1968 zu tun hatte. Was mich persönlich betrifft, haben die am 21. August zerschlagene Hoffnung, die folgenden Erniedrigungen und dann natürlich die im Umkreis der Unterdrückung des Prager Frühlings erfolgte Verhaftung und Verurteilung meines Freundes Detlev Hagemann im folgenden Frühjahr – er wurde von dem Medizinstudenten Rainer L. denunziert -- stark dazu beigetragen, daß ich mich ein paar Jahre später aus der DDR entfernte.